Diagnosen

Verschiedenste klinische Diagnosen werden im Zusammenhang mit Selbstverletzendem Verhalten gestellt. Die wichtigsten, allgemein anerkannten Diagnosekriterien sind im DSM (Diagnostisches Statistisches Manual) und dem ICD (Internationale Klassifikation psychischer Störungen) zu finden.

Am häufigsten kommt die Diagnose Borderline - Persönlichkeitsstörung gemeinsam mit Selbstverletzendem Verhalten vor, gefolgt von Eßstörungen, Störungen durch psychotrope Substanzen, sowie der Antisozialen Persönlichkeitsstörung, der Neurotischen Persönlichkeitsstörung und der Multiplen Persönlichkeitsstörung. (vgl. Herpertz, 119)

Oftmals ist es auch gar nicht möglich, die Diagnose so klar zu stellen, bzw. PatientInnen haben mehrere Diagnosen gleichzeitig oder nacheinander, hierzu zwei Zitate von Sachsse :

"Die Leitsymptomatik SVV (Selbstverletzendes Verhalten, Anm. d. V.) steht nie isoliert. Sie ist stets verbunden mit weiteren selbstschädigenden Verhaltensweisen und Symptombildungen." (Sachsse, 1989a, 32)

und

"Nach psychoanalytischen Kriterien handelt es sich bei Patientinnen mit schwerem SVV überwiegend um solche mit einer narzißtischen Persönlichkeitsstörung, die in Belastungssituationen auf Borderline - Organisationsniveau regredieren und präpsychotisch dekompensieren können." (Sachsse, 1989a, 46)

Mit der Häufigkeit im Zusammenhang mit Selbstverletzendem Verhalten gestellter Diagnosen befassen sich zwei Untersuchungen, die ich nun darstelle, da sie auch in den folgenden Kapiteln immer wieder zitiert werden. Die Untersuchung von Wewetzer bezieht sich dabei auf den Kinder - und Jugendpsychiatrischen Bereich, die von Herpertz auf die Erwachsenenpsychiatrie.

Wewetzer et al. haben 1997 erste Untersuchungsbefunde einer Pilotstudie in Würzburg mithilfe einer retrospektiven Datenanalyse der stationären Krankengeschichten von 64 PatientInnen (69 % Mädchen) der Kinder - und Jugendpsychiatrie aus den Jahren 1982 bis 1992, veröffentlicht. Die zugrundeliegende Definition ist relativ weit gefaßt:

"Unter offenem selbstverletzendem Verhalten werden verschiedene Auffälligkeiten zusammengefaßt, deren Gemeinsamkeit die Beschädigung des eigenen Körpers ist."

Davon grenzen sie indirekte Selbstbeschädigung, Suizid und heimliche Selbstverletzungen ab. Ziel war, etwas über die Symptomatik und die psychopatholoischen Merkmale von Kindern und Jugendlichen mit Selbstverletzendem Verhalten zu erfahren, sowie über die Komorbidität von Selbstverletzendem Verhalten und Suizid.

Neben allgemeinen Daten zu Alter, Geschlecht, Beschreibung des Symptomkomplexes und Erfassung der gestellten kinder - und jugendpsychiatrischen Diagnosen, fanden sie einen Zusammenhang zwischen Selbstverletzendem Verhalten und Suizidtendenzen und Selbstverletzendem Verhalten und Fremdaggressionen, sie fanden einen erhöhten Anteil an PatientInnen mit Intelligenzminderung, sowie gehäuft unspezifische, abnorme psychosoziale Umstände.

Spezifität hinsichtlich der Diagnose fanden sie nur bei Selbstverletzungen im Rahmen von tiefgreifenden Entwicklungsstörungen und hirnorganischen Schädigungen. Sie geben an, daß die Diagnosen im kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich andere als bei Erwachsenen seien und nennen folgende, von ihnen gefundene, gestellt nach ICD - 10 :


  • Reaktion auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen : 14%
  • Kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen : 13%
  • Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in Kindheit und Jugend : 13 %
  • Eßstörungen : 9 %


Ich werde jetzt eine weitere Untersuchung von Herpertz darstellen, die sich mit Diagnosen beschäftigt, mit der sie die Hypothese untermauern wollte, daß Selbstverletzendes Verhalten ein Selbstschutzmechanismus sei, mit dem überwältigende und unkontrollierbare Affekte gemindert oder abgewehrt werden könnten.

Herpertz untersuchte 60 PatientInnen mit Selbstverletzendem Verhalten, davon 53 Frauen (Altersdurchschnitt 26, 3 + / - 8, 6 Jahre) und 7 Männer (Altersdurchschnitt 26, 7 + / - 6, 1 Jahre), die zwischen Mai 1992 und Mai 1994 in einer Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychologie in Deutschland zur stationären Aufnahme kamen. Herpertz definiert Selbstverletzendes Verhalten folgendermaßen:

"Selbstverletzungsverhalten bezeichnet die wiederholte selbstzugefügte, direkte körperliche Verletzung ohne suizidale Absicht." (Herpertz, 115)

Die Daten wurden von der Autorin erhoben, die in der Anwendung der im folgenden aufgelisteten Instrumente erfahren war.


  • Die Persönlichkeitsstörungsdiagnosen wurden nach DSM - III - R mit der Aachener Merkmalsliste zur Erfassung von Persönlichkeitsstörungen erhoben, deren Datenerhebung auf einer subtilen biographischen Anamnese, fremdanamnestischen Angaben, sowie einer Verhaltensbeobachtung während eines stationären Aufenthaltes beruht.
  • Die klinischen Diagnosen wurden entsprechend der DSM - III - R - Kriterien erhoben.
  • Merkmale des Symptoms Selbstverletzungsverhalten wurden mit einem halbstrukturiertem Interview erfaßt, das sich auf das innere Erleben der PatientInnen im zeitlichen Umfeld der Selbstverletzungshandlung bezog.
  • Ergänzend wurde die deutsche Version des Self harm Behavior Survey (SBS) eingesetzt, einem Fragebogen, der typische Merkmale von Selbstverletzungsverhalten, aber auch biographische Merkmale abfragt.
  • ein aus psychodynamischer Perspektive entwickeltes Fremdbeurteilungsinstrument zum psychischen und Sozialkommunikativen Befund, beruhend auf einem klinischen, fragebogengeleiteten Interview.
  • am Ende des Aufenthaltes erfolgte ein Interview zu biographischen Traumata, ergänzend wurde durch den SBS auch schwere biographische Belastungen abgefragt.

Die erhobenen Häufigkeiten an biographischen Traumata wurde mit Daten von 60 PatientInnen einer Psychotherapiestation mit Schwerpunkt schwere Neurosen und Persönlichkeitsstörungen, verglichen.

Herpertz interpretiert die Ergebnisse dahingehend, daß sich die zentrale Bedeutung von Selbstverletzendem Verhalten als dysfunktionaler Coping - Mechanismus herauskristallisieren würde, außerdem würden ihre Ergebnisse bisherige Literatur dabei bestätigen, daß biographischen Traumata eine wichtige Bedeutung in der Genese der Borderline - Persönlichkeitsstörung und des Selbstverletzendem Verhaltens zukäme.


Herpertz hat folgende Ergebnisse hinsichtlich der Diagnosen erzielt (Prävalenzen schließen Mehrfachdiagnosen ein):

Zunächst die klinischen Diagnosen:

Über 50 % hatten die Diagnose einer Eßstörung, darunter 20 % mit Bulimia Nervosa, gefolgt von Anorexie. Über 30 % betrieben Mißbrauch durch psychotrope Substanzen, am häufigsten mit Alkohol. Desweiteren kamen über 20 % affektive Störungen vor, sowie je 10 % Angst - und schizophrene Störungen.

Nun die Diagnosen der Persönlichkeitsstörungen:

Die Hälfte der PatientInnen hatten eine Borderline - Persönlichkeitsstörung, ein Viertel hatten gar keine Persönlichkeitsstörung, danach folgten (nach Häufigkeit des Vorkommens) die histrionische, die dependente, die antisoziale und die schizoide Persönlichkeitsstörung.

Weitere Ergebnisse, die für meine Arbeit relevant sind werde ich in den betreffenden Kapiteln darstellen.

Ich beziehe mich hauptsächlich auf die Daten für den Erwachsenenbereich, da die "typische" Selbstverletzungspatientin im jungen Erwachsenenalter ist. (vgl.Favazza & Conterio, 284 ; Graff et al., zitiert nach Hänsli, 41)


Im folgenden werde ich die wichtigsten Diagnosen kurz darstellen, sowie deren Zusammenhänge mit Selbstverletzendem Verhalten.